Ich finde, das Rad des Lebens ist die wichtigste Lehre des tibetischen Buddhismus aus dem Himalaya. Im Buddhismus gibt es viele Dinge, die für Anfänger sehr schwierig sind.
,,Die Kosmos des Buddhas? Ich dachte, es gibt nur einen Buddha, den Shakyamuni Buddha!”, sagt ein Gast.
Die anderen fragen überrascht: „Was?! Vier Hauptschulen und acht Sub-schule?”, als ich von der Kagyu-Schule erklärte.
Für mich sind derartige Reaktionen äußerst erfreulich. Das bedeutet daß die Gäste wollen mehr wissen, und ich bin immer für einen sachkundigen Diskurs zu haben.
Ich erinnere mich an eine Begebenheit im Trongsa Dzong, bei der großen Darstellung des Sipa Khorlo, auch bekannt als das Rad des Lebens, an der Wand neben der Eingangstür zum Maitreya-Tempel. Dort erklärte ich einer großen Gruppe deutschsprachiger Gäste das Bild des Sipa Khorlo.
Das Rad des Lebens hat hauptsächlich vier Kreise. Der äußerste Kreis ist in 12 Abschnitte unterteilt und diese repräsentieren unser gegenwärtiges Leben. Der zweite Kreis ist in sechs Abschnitte unterteilt, die sechs Welten der Wiedergeburten darstellen. Der dritte Kreis stellt die Reise der Wiedergeburten durch das Bardo entsprechend dem Karma ihrer vorherigen Welt dar. Und schließlich ist der vierte und mittlere Kreis die Speiche des Lebensrades. Die drei dort abgebildeten Tiere stellen die Ursachen unserer Taten dar.

Ich habe die vier Kreise von außen nach innen gezählt. Bitte beachten Sie, dass diese Zählweise nicht üblich ist. Man kann auch von innen nach außen zählen. Es ist eine Frage der Interpretation. Buddha sagte: „Mit einem offenen Geist kann man grenzenlos lernen.“
Also, lass uns nun die Bedeutung dieser vier Kreise kennenlernen:
Sie stellen das Samsara oder den Kreislauf des Leidens dar.
1. Alter blinder Mann geht mit Stock = Die Unwissenheit
2. Porter macht Töpfe = Die Stiftung
3. Ein Affe schwingt, um Früchte zu greifen = Das Bewusstsein
4. Mann rudert ein Boot = Die Formen
5. Haus mit sechs Fenstern = Die Sechs Sinne
6. Ein Paar, das sich umarmt = Der Sinnlicher Kontakt
7. Ein Mann mit einem Pfeil im Auge = Die Empfindung
8. Ein Mann, der sich Essen und Getränken hingibt = Das Verlangen
9. Ein Affe, der eine Frucht greift = Anfassen
10. Ein Paar, das sich paart = Die Wesenheit
11. Die Geburt = Der Anfang
12. Die Leiche = Ende eines Lebenszyklus
Im Gegensatz zum Glauben an Himmel in anderen Religionen wie dem Christentum, dem Islam oder teilweise sogar dem Hinduismus gibt es im Buddhismus kein Konzept des ewigen Paradieses. Daher stellen die sechs Welten des Lebensrades den Kreislauf der Wiedergeburten dar, entsprechend unseren Taten in jeder Wiedergeburt.
1. Reich der Götter: Dies ist kein Paradies. Dies ist eine Welt des Vergnügens und des Komforts, in der die Möglichkeit besteht, dass ihre Bewohner in niederen Sphären wiedergeboren werden, wenn sie sich nicht an die Gesetze von Ursache und Wirkung halten.
2. Reich der Halbgötter: Die Wiedergeburt in der Welt der Halbgötter bedeutet, dass Sie Macht, Stärke und teilweisen Komfort haben. Aber aufgrund der Eifersucht der Götter befinden sie sich in einem ständigen Zustand des Streits.
Gegenstand des Streits zwischen Göttern und Halbgöttern ist der Baum, der zwischen den beiden Reichen wächst. Die Götter genießen die Früchte, die Halbgötter tragen die Wurzeln. Der Streit entsteht aus der Eifersucht der Halbgötter.
3. Reich der Menschen: Das menschliche Reich gilt als die beste Wiedergeburt, da wir uns in diesem Leben unserer Taten bewusst sein und die Erleuchtung suchen können, um uns vom Rad des Lebens zu befreien.
4. Reich der Tiere: Diese Welt wird von Überlebensinstinkten und Überlebensbedürfnissen beherrscht; sie ist frei von Selbsterkenntnis und Reflexion. Tiere erfahren zudem viele Arten von Schmerz wie Hunger, Angst und Raub. Buddhisten glauben, dass das mit Unwissenheit verbundene negative Karma eine Wiedergeburt in der Tierwelt des Samsara verursacht.
5. Reich der hungrigen Geister: Charakteristisch für den hungrigen Geist sind seine steifen Körper, langen Hälse und riesigen Bäuche – er ist ein Wesen, das von endlosen Wünschen und nie endender Lust getrieben wird. Es ist ein Symbol für seinen nie endenden Durst und Hunger. Trotz seines unerbittlichen Verlangens nach Erfüllung können sie diese nicht finden und bleiben in einem nie endenden Kreislauf aus Verlangen und Elend gefangen.
6. Reich der Hölle: Das extremste Leid im Samsara wird durch das Reich der Verdammten (Hölle) symbolisiert. Menschen, die in der Vergangenheit Missetaten begangen haben, kommen in die Hölle, eine Region aus Feuer, Eis und Dunkelheit – acht heiße und acht kalte Höllen, insgesamt sechzehn. Diese Höllen repräsentieren unterschiedliche Stufen und Arten des Leidens, das durch negatives Karma erfahren wird.
Die beiden Wege durch das Bardo werden durch den weißen Abschnitt dargestellt, in dem Menschen, die ein Leben mit guten Taten geführt haben, in die höheren Sphären geführt werden, und durch den schwarzen Abschnitt, in den die Dämonen die Seelen schleppen, die ein Leben mit negativen Taten geführt haben.
1. Schwein = Unwissenheit
2. Hahn = Begierde
3. Schlange = Wut

Die monströs aussehende Figur, die das Rad des Lebens hält, ist Yama, der Herr des Todes. Die bedeutende Lehre besagt, dass das Rad des Lebens trotz aller verzweifelten Maßnahmen, am Leben festzuhalten, immer mit Tod und Wiedergeburt endet.
Aus diesem Grund wird das Rad des Lebens immer mit einer Buddha-Figur oben rechts dargestellt, die auf den Mond zeigt. Dies ist die Zusicherung des Buddha, dass man die Tugenden des Buddhismus praktizieren und Erleuchtung erlangen kann, wenn man versucht, sich vom Rad des Lebens und von Samsara zu befreien.